Montag, 29. August 2016

Seltsames in einem alten Song

In diesem Beitrag geht es um ... "Streets of London" ???

Was zum Teufel hat denn der Folkklassiker von Ralph McTell aus dem Jahr 1969 mit Jazz oder Harmonielehre zu tun? Gemach! Ich erzähl's Euch.
Wer den Song nicht im Ohr hat, kann ihn mal schnell auf Youtube anhören und -sehen:

Streets Of London - Ralph McTell

Wie jeder Gitarrist meiner Generation habe ich dieses Lied in den Frühzeiten zur Begleitung meiner oder einer besseren Stimme zunächst mit Plektrum geschraddelt [geschlagen], dann rudimentär gezupft und schließlich im Folkpicking (heutzutage nennt man das wohl "Fingerstyle") gespielt. Letzteres hat den Vorteil, dass ich dann nicht singen muss.

Die Akkorde der Strophe von "Streets Of London" dürften (Kapodaster hin oder her) im Prinzip so aussehen:

/ C / G / Amin / Emin / F / C / Dmin / G / ...

Wiederholung mit einer kleinen Variante, Refrain usw.

Reinstes C-Dur, das sollte außer Frage stehen. Alle Töne, die wir nun auf der Gitarre als Verzierung oder auch zur Bassbegleitung spielen, müssen daher – sonst wird es zumindest etwas reiben – aus dem Tonvorrat von C-Dur entnommen sein. Und hier wird es an einer bestimmten Stelle seltsam.

Im Folgenden die Basslinie, die ich so in etwa spiele, wenn ich die ersten vier Takte von Streets Of London im Fingerstyle (Folkpicking) auf der Gitarre intoniere. Die Melodie ist für die Betrachtung nicht relevant, ich darf aber versichern, dass sie eben sehr wohl zu diesen Tönen passt:




Für die Nicht-Gitarristen unter den Lesern hier die simple Notation:




Klar, nicht besonders einfallsreich, insbesondere in Takt 2, zugegeben. Das ist aber nicht der Punkt. In der Notenschreibweise fällt sofort das Kreuz vor dem F in Takt 4 auf, was somit natürlich ein F# (Fis) ist. Potzblitz, in C-Dur gibt es aber keine Vorzeichen.

Warum aber klingt die Bassfigur mit F# beim Emin in einer C-Dur-Passage korrekt (ein F anstatt des F# dagegen nicht)? Ich habe es natürlich auf dem Instrument probiert. Nein, F gefällt mir nicht, F# muss es sein.

Ich habe dann einige kompetente Musikerkollegen interviewt und erstaunliche Erklärungsversuche erhalten. Mein liebster ist:

Ja, siehst du, das meine ich, wenn ich immer sage, dass in der Musik eben nicht alles mathematisch berechnet werden kann!

Danke, mein Lieber, das war wirklich hilfreich! Ok, wenn nicht mathematisch zu erklären (was möglicherweise viele klassische Komponisten durchaus anders sehen mochten), wie dann?

Lasst mich so ein bisschen im Trüben fischen ("Küchenlatein" des Autodidakten): Die Bassfigur des Amin wird einfach auf das Emin übertragen und unsere Ohren hören gerne solch verschobene (im Sinne von "gerückte") Figuren. Ja, hm, nicht unplausibel. Aber auch nicht wirklich schlüssig...

Ein anderer Freund und Musikerkollege erklärte:

Unsere Ohren mögen in der aufsteigenden Basslinie keine b9. Außerdem finde ich das F über Emin ganz spannend.

Da ist was dran. Also am ersten Teil der Aussage. Denn abwärts gespielt klingt das F über Emin gar nicht so übel. Es geht ja quasi nach Hause. Das mit der Spannung im zweiten Teil der Anmerkung sehe ich – wie womöglich bereits durchgedrungen – etwas anders. Das F ist... nun, nicht falsch, aber meiner Meinung nach auf alle Fälle nur zweite Wahl. Ist vielleicht phrygisch (der 3. Modus unserer Tonart C-Dur) als Basslinie zu instabil? Fragen über Fragen...

Ein weiteres Gespräch über diesen unseligen Ton mit einer befreundeten Profi-Musikerin, welche sich auch gleich die Mühe machte, etwas am Klavier auszutesten, ergab nochmals neue An- bzw. Einsichten:

  • Da wir uns hier nicht in der Jazz-, sondern in der Pop- (genauer: Folk-)Harmonik, also Dreiklangswelt, bewegen, könnte die gesamte Akkordfolge ja statt einer I-V-vi-iii-Verbindung in C auch eine IV-I-ii-vi in G-Dur sein, womit das F# leitereigen aus der Erzeugerskala wäre. Allerdings spricht der zweite Teil der Strophe mit den Akkorden F-Dur und D-Moll heftig dagegen. Warum auch einen eindeutigen Sachverhalt wegen eines ohnehin nur potentiell einzusetzenden Tones in Frage stellen?
  • Das F# über dem Emin funktioniert wenn überhaupt nur im Bass. In der Melodie bzw. im Solo klingt es schlicht und ergreifend falsch!
  • Es ist ein Unterschied, ob die Linie vom E aufwärts oder zum E abwärts gespielt wird. Das hatten wir schon festgestellt (b9 aufwärts – eher nicht so gut!)
  • Prinzipiell gelten Erweiterungen 9, 11, 13 für Nicht-Toniken (stimmt dieser Plural?) in der Pop-Harmonik als schwierig. Im Prinzip wären also im Song an besagter Stelle sowohl F wie auch F# eher Void-Notes. Da stimme ich gerne zu. Damit löst sich aber auch dieser Artikel in Nichts auf.
Ihr seht also, eine einfache Erklärung für oder wider das F# kann ich Euch nicht bieten. Das allwissende Netz übrigens auch nicht. Scheint noch niemanden bis dato über den Weg (bzw. über die Tasten oder Saiten) gelaufen zu sein.

Interessanterweise schätzen einige der Befragten das vorgeschlagene F# erstmal kategorisch als "falsch" ein, wodurch sie dieser Abhandlung zunächst den Boden entziehen, lenken aber dann ein, wenn sie den Ton in der Basslinie und nicht in einer höheren Stimme hören.
Und jetzt? Das hat man gerne – Fragen aufwerfen und dann keine Antwort geben können! Ja, liebe Leser, das stimmt. Aber Mühe habe ich mir schon gegeben, ehrlich. Vielleicht habt Ihr ja noch Vorschläge. Bis dahin spiele ich weiter Emin/F#, habe aber zumindest ein schlechtes Gewissen dabei...

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Euch auch ohne Problemlösung etwas Spaß gemacht. Bis zum nächsten Mal!

Euer

Gige



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